Dienstag, 20. Januar 2009

Proust und die Zeichen



Gilles Deleuze, Proust und die Zeichen, Berlin 1993.

MERVERÜCKEN: recht bedacht ist der Titel dieses Blogs falsch.
Denn eigentlich geht es hier nicht um den schmalen Buchrücken,
der uns aus dem Regal entgegenblickt, sondern um den Text auf
dem hinteren Außenumschlag, der in der Buchbranche U4 heißt.
Welche Funktion diese Texte haben, ist nicht bekannt. Lediglich
in Verlagshäusern, die sich eine sogenannte Marketingabteilung
leisten, werden einige Mitarbeiter schon von Dienst wegen davon
überzeugt sein, dass sie den Kunden in der Buchhandlung dazu
animieren, ein wenig im Buch zu blättern - und es womöglich zu
kaufen.

Nicht so bei Merve. Deren Bücher kann man auch mal falsch rum
liegen lassen. Einer der schönsten Merverücken datiert 1993. IMD
170: fotomechanischer Nachdruck des vergriffenen Proust-Buchs
von Deleuze; zuerst erschien die Übersetzung von Henriette Beese
1978 in der unvergesslichen Reihe Ullstein Materialien. Der Text
auf U4 ist chiffriert. Ist man, wie jeder gute Leser, paranoid, kauft
man das Buch, um ihn zu entziffern. Wie geht das? Zeichen zählen.
In der Hoffnung, dass es sich um einen simplen Verschlüsselungs-
algorithmus handelt. Am häufigsten taucht ™ auf, das Symbol für
Warenzeichen (10). Auf Platz 2 folgt ⁄ (8). Platz 3 und 4 teilen sich
~ und † (je 6). Platz 5, 6 und 7 gehen an µ, Ω und ‚ (je 5). Es geht
also um Häufigkeit. Bekanntlich ist in deutschen Texten das e der
häufigste Buchstabe, gefolgt von n, i, s und r. Häufigster Anfangs-
buchstabe ist das d. Wir versuchen es wie folgt: ™ = e, ⁄ = i, ~= n,
∂ = d. Was passiert?

Då‚ ©edæ窆ni‚ ∆øµµ† iµ
√e®ªæ¬†ni, Ω¨den
Ωeiçªen∞ die e‚ Ω¨
en†Ωiƒƒe®n ©i¬†∞ iµµe®
Ω¨‚πæ†.


Offensichtlich muss das Komma (5) als s interpretiert werden. 3x
taucht die Kombination Ω¨auf. Versuchsweise soll sie durch z und
u ersetzt werden:

dås ©edæ窆nis ∆øµµ† iµ
√e®ªæ¬†nis zu den
zeiçªen∞ die es zu
en†ziƒƒe®n ©i¬†∞ iµµe®
zu sπæ†.


Uns kommt die Ahnung, dass hier ein ganz einfaches Spiel mit uns
gespielt wird. Doch wir wollen es genau wissen. Die vorletzte Zeile
verrät mehr als sie verbirgt: "en†ziƒƒe®n ©i¬†∞ iµµe®". Das heißt:
† = t, ƒ = f, ® = r, µ = m.

dås ©edæçªtnis ∆ømmt im
√erªæ¬tnis zu den
zeiçªen∞ die es zu
entziffern ©i¬t∞ immer
zu sπæt.

Unser Blick fällt auf eine Kombination, die zweimal auftaucht: çª.
"zeiçªen∞ die es zu" ist nun unschwer als "zeichen, die es zu" zu
interpretieren:

dås ©edæchtnis ∆ømmt im
√erhæ¬tnis zu den
zeichen, die es zu
entziffern ©i¬t, immer
zu sπæt.


Mittlerweile ist man sich ziemlich sicher, dass "©edæchtnis" nichts
anderes als "gedächtnis" meinen kann und freut sich über:

dås gedächtnis ∆ømmt im
√erhä¬tnis zu den
zeichen, die es zu
entziffern gi¬t, immer
zu sπät.


Der Klartext ist jetzt kein Geheimnis mehr:

das gedächtnis kommt im
verhältnis zu den
zeichen, die es zu
entziffern gilt, immer
zu spät.


Und den Algorithmus, den Heidi Paris zur Chiffrierung damals wählte,
kennen wir nun auch. Hält man nämlich mit einem Zeigefinger den
option
key (alt-Taste) gedrückt, muss man mit dem anderen lediglich
den Klartext eingeben, um ihn wie folgt zu verschlüsseln:

∂å‚ ©€∂æ窆~⁄‚ ∆øµµ† ⁄µ
√€®ªæ@†~⁄‚ Ω¨ ∂€~
Ω€⁄窀~∞ ∂⁄€ €‚ Ω¨
€~†Ω⁄ƒƒ€®~©⁄@†∞ ⁄µµ€®
Ω¨‚πæ†.


Allerdings bemerkt man nun, dass sich seit 1993 auf der Mactastatur
einige Umstellungen ergeben haben: das Trademarksymbol (™) musste
seinen Platz für den Euro (€) räumen. Und natürlich beansprucht auch
das @ seit geraumer Zeit eine herausgehobene Position. Wo jedoch
das ¬ abgeblieben ist, weiß ich nicht.

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